FOKUS

Dreifache Innenstadtentwicklung

Thema

Bauen, Grün, Mobilität: Die dreifache Innenentwicklung als Schlüssel integrierter Stadtplanung

  • Text: WÖHR
  • Grafiken: WÖHR Autoparksysteme GmbH

Bauen, Begrünen, Bewegen – die „dreifache Innenentwicklung“ denkt Stadtentwicklung neu. Das Umweltbundesamt (UBA) erweitert das Leitbild der Innenentwicklung um die Mobilität und fordert, Bauen, Freiraum und Verkehr gemeinsam zu gestalten. Ziel ist eine verdichtete, klimaresiliente und lebenswerte Stadt, in der Straßenraum, Grünflachen und Bestand zu Zukunftsressourcen werden.

Die Städte in Deutschland stehen unter wachsendem Druck, Flächen effizient und nachhaltig zu nutzen. Verdichtung, Klimaanpassung, Mobilitätswende und der Schutz von Grünräumen konkurrieren um denselben begrenzten Raum. In einer Studie des Umweltbundesamts wird diese Herausforderung aufgegriffen und das bekannte Leitbild der „doppelten Innenentwicklung“ weiterentwickelt. Während Letztere auf die Balance zwischen Bauen und Freiraumsicherung zielt, integriert die „dreifache Innenentwicklung“ zusätzlich die Mobilitätswende als gleichwertige dritte Säule. Damit wird auf die Erkenntnis gesetzt, dass Verkehrsflächen bislang weitgehend unbeachtet blieben, obwohl sie enorme Umnutzungs- und Gestaltungsreserven bieten.

Ziel der dreifachen Innenentwicklung ist es, die drei Dimensionen Bauen, Grün und Mobilitat systematisch miteinander zu verknüpfen. Städte sollen sich nach innen entwickeln, ohne Umwelt- und Lebensqualitätsverluste hinzunehmen. Die Studie versteht das Konzept als Leitbild, nicht als starren Planungsstandard. Es liefert einen Rahmen, der je nach Stadtgröße, Struktur und lokaler Ausgangslage konkretisiert werden muss. Entscheidend ist, dass Stadtentwicklung künftig als integrativer Prozess gedacht wird: Wohnraumschaffung, Klimaschutz, Freiraumgestaltung und Mobilität dürfen nicht länger in separaten Fachplanungen bearbeitet werden, sondern müssen räumlich und strategisch zusammenwirken.

Das erste Handlungsfeld betrifft die bauliche Innenentwicklung. Statt Siedlungsflächen weiter auszudehnen, sollen Baulücken, Brachflächen und unternutzte Grundstücke aktiviert werden. Innenentwicklungspotenziale sind laut Studie in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen – von rund 120.000 ha (2012) auf etwa 84.000 ha (2020). Das zeigt, dass Nachverdichtung zwar stattfindet, aber vielerorts bereits an Grenzen stößt. Kommunen bekennen sich mit rund 70 % mehrheitlich zur Vorrangstellung der Innenentwicklung, doch in der Praxis werden häufig Grün- und Freiflächen in bauliche Nutzung überführt, was dem eigentlichen Ziel widerspricht. Deshalb betont das Umweltbundesamt, dass Innenentwicklung qualitativ sein muss: Neben der Dichte zählen Aspekte wie Tageslicht, Durchlüftung, soziale Mischung, Begrünung und Umweltqualität. Potenziale sieht die Studie besonders in der Aufstockung und Umnutzung des Bestands, in der Nutzung von Dach- und Fassadenflächen sowie in einer gemischten Nutzung, die Wohnen, Arbeiten und Freizeit stärker verzahnt.

Das zweite Handlungsfeld widmet sich den Grün- und Freiräumen. Sie sind nicht nur ökologische Ausgleichsflächen, sondern prägen die Lebensqualität entscheidend. Grünflächen regulieren Temperatur und Wasserhaushalt, fördern Biodiversität, mindern Luftschadstoffe und dienen der Erholung. In deutschen Großstädten beträgt der Anteil an Grünflächen im Schnitt 30 % bezogen auf Siedlungs- und Verkehrsflächen, wobei der pro Kopf verfügbare Erholungsraum vielerorts unter 10 m² liegt. Als Orientierungswert schlägt das Umweltbundesamt 24 m² urbanes Grün je Einwohnenden vor – verteilt auf unterschiedliche Ebenen, vom nachbarschaftlichen Pocketpark bis zum stadtweiten Grünzug. Doch nicht nur Quantität, auch Qualität ist entscheidend: Grünräume sollen gut erreichbar, vernetzt und multifunktional sein. Besonders für verdichtete Quartiere wird die Begrünung bestehender Straßen und Plätze hervorgehoben – etwa durch Entsiegelung, Straßenbäume, Dachgärten oder temporäre Grünzonen.

Schematische Darstellung eines Innenhofs in der Kölner Helenenstraße, der bislang komplett versiegelt ist.

Fallbeispiel:
Eine Untersuchung von WÖHR, hier am Beispiel eines bisher vollständig versiegelten Innenhofs in der Kölner Helenenstraße, zeigt: Durch gezielte Nachverdichtung mit einem Parkturm lässt sich Fläche entsiegeln und neues Potenzial für Freiraum gewinnen.

Schematische Darstellung eines Innenhofs in der Kölner Helenenstraße, nach der Entsieglung mit einem Parkturm.

Das dritte Feld betrifft die Mobilität. Hier liegt der entscheidende Innovationsimpuls des Leitbilds: Die Neuverteilung des Straßenraums ist zugleich Motor und Voraussetzung einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Der motorisierte Individualverkehr beansprucht in deutschen Städten bis zu 60 % der Verkehrsflächen. Diese Flächen werden als „graue Potenziale“ verstanden, die im Zuge der Mobilitätswende anders genutzt werden können. Durch Reduktion des Autoverkehrs und Rückbau von Stellplätzen entstehen Flächen für Radwege, Fußgängerzonen, Grünstreifen oder neue öffentliche Räume. Solche Transformationen verändern nicht nur die Mobilität, sondern auch die Aufenthaltsqualität und das soziale Leben im Quartier grundlegend. Das UBA-Papier nennt als Orientierungswert maximal 150 Pkw je 1000 Einwohnende in Großstädten – ein fachliches Ziel, das auf eine grundlegende Reduktion des motorisierten Individualverkehrs zielt, ohne jedoch einen konkreten Zeithorizont zu nennen.

Die Umsetzung der dreifachen Innenentwicklung erfolgt auf mehreren räumlichen Ebenen: Auf regionaler Ebene braucht es strategische Abstimmung zwischen Wohnungs-, Verkehrs- und Freiraumplanung. Auf städtischer Ebene geht es um die Integration von Fachplänen und eine kohärente Flächenpolitik. Besonders relevant ist jedoch die Quartiersebene, weil hier konkrete Nutzungskonflikte sichtbar und gestaltbar werden. Quartiere sind Laborräume, in denen die Balance von Dichte, Freiraum und Mobilität im Alltag erfahrbar wird.

Gleichzeitig benennt die Untersuchung erhebliche Hemmnisse. Fachplanungen agieren oft getrennt, institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen erschweren Umverteilungen von Verkehrsflächen. Planungs- und Baugesetze fördern weiterhin Neubau und Verdichtung, weniger jedoch Entsiegelung oder Umnutzung. Finanzielle und personelle Ressourcen in Kommunen sind knapp und Akteursstrukturen komplex. Das Umweltbundesamt empfiehlt daher, Instrumente wie integrierte Bauleitplanung, verbindliche Grünflächenstandards, Mobilitätskonzepte und Monitoring-Systeme einzuführen. Pilotprojekte und Reallabore – etwa in der Region Köln-Bonn – können zeigen, wie eine koordinierte Innenentwicklung praktisch funktioniert.

Für Architektur und Stadtplanung eröffnet das Leitbild neue Gestaltungsspielräume. Es verschiebt den Fokus von reiner Verdichtung hin zu einer qualitativen Transformation des Bestands. Verkehrsflächen werden als Rohstoff für neue Stadträume begriffen, grüne Infrastruktur als integraler Bestandteil der Bauaufgabe. Architekturschaffende und Stadtplanende sind gefordert, interdisziplinär zu denken und frühzeitig mit Mobilitäts- und Umweltplanenden zusammenzuarbeiten. Die dreifache Innenentwicklung verlangt nicht mehr, sondern klügere Flächennutzung – Städte als kompakte, grüne und vernetzte Systeme. Sie stellt damit ein zukunftsorientiertes Paradigma dar, das ökologische Resilienz, soziale Teilhabe und räumliche Qualität miteinander versöhnt – und den urbanen Raum als gestaltbare Ressource neu definiert.


Steigende Zulassungszahlen zeigen allerdings, dass diese Wende noch nicht eingeläutet ist. Stimmen aus der Branche fordern daher ein entschiedenes Umdenken im Umgang mit Parkraum.

Das Unternehmen WÖHR Autoparksysteme betont:

„Unser Ziel muss sein, private Pkw aus dem Straßenraum zu holen und eine Neuordnung zu schaffen – sei es durch die Nutzung bestehender Garagen, komprimierter Parktürme oder anderer kompakter Lösungen. Der öffentliche Parkraum sollte wieder auf private Flächen verlagert werden. Wenn Anwohnerparken starker bepreist wird, gewinnen private Stellplätze an Attraktivität, und leerstehende Bestandsgaragen werden wieder genutzt. Nur wenn das Parken auf der Straße nicht mehr billig oder selbstverständlich möglich ist, kann die Stadt den öffentlichen Raum zurückgewinnen.“ (Daniela Wöhr)

Diese Forderung verweist auf ein oft übersehenes Element der Mobilitätswende: die räumliche Entflechtung von Verkehr und Aufenthalt. Wenn Autos nicht länger großflächig im öffentlichen Raum abgestellt werden, gewinnen Straßen zurück, was ihnen über Jahrzehnte entzogen wurde – Raum für Bewegung, Begegnung, Begrünung und urbane Qualität. Die bauliche Infrastruktur des Parkens kann dabei Teil der Lösung sein, wenn sie integriert, kompakt und flächenschonend organisiert wird. Damit wird Mobilität nicht nur neu gedacht, sondern auch räumlich neu geordnet – im Sinne einer Stadt, die bewegt, ohne sich vollzustellen.

Quelle: Dreifache Innenentwicklung – Definition, Aufgaben und Chancen für eine umweltorientierte Stadtentwicklung

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung der Publikation, welche in 2. Auflage im Mai 2023 vom Umweltbundesamt (UBA) herausgegeben wurde. Sie zeigt Strategien, Beispiele und Handlungsempfehlungen für Kommunen, Planende und politische Entscheidungsträger auf. Die vollständige Fassung steht als kostenloser Download unter www.umweltbundesamt.de zur Verfügung.

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